Wie verwest eine Leiche?

Habt ihr gewusst, dass Knochen am längsten brauchen, um vollständig zu verwesen? Wenn man logisch denkt, macht das eigentlich auch Sinn, denn wie sonst können Dinosaurierknochen gefunden und ausgestellt werden. Deswegen wollte ich herausfinden, wie lange dauert so ein Verwesungsprozess eigentlich.

Unter der Erde kann ein Körper sich vollständig zersetzen. Ich habe immer gewusst, dass sobald jemand stirb sehr bald die Leichenstarre eintritt, deswegen haben alte Menschen immer auch ihr Leichenoutfit im Schrank sodass sie alsbald umgezogen werden können. Das weiß ich noch von meiner Oma und als mein Bruder geholfen hat meinen Großvater umzuziehen. Aber was mir neu war ist, dass sich diese Leichenstarre, auch Rigor mortis genannt, nach dem Tod auflöst, was in der Regel nach maximal zwei Tagen passiert. Grund dafür ist der Beginn des Verwesungsprozesses im Körper, welcher also folglich ziemlich schnell beginnt, sich zu zersetzen. Spinnt man diesen Gedanken weiter wird auch klarer, warum in Südamerika Leichen oft binnen 24 Stunden begraben werden müsse aufgrund der enormen Hitze, denn dadurch würde sich dieser Prozess beschleunigen. Die Verwesung selbst geschieht in unterschiedlichen Schritten. Zuerst trocknet der Körper aus, erst dann beginnt er zu faulen und sich zu zersetzen. Das Austrockenen beginnt mit dem letzten Herzschlag. Das hat auch zur Folge, dass die Augen trüb werden. Ich hätte immer gedacht, dass man die Augen eines Toten aus Respekt vor diesen schließt, was natürlich auch der Fall ist aber auch weil bei geöffneten Augen sich die Hornhaut nach ein oder zwei Stunden bereits verfärbt. Von gelb zu braun zu schwarz. Bei geschlossenen Augen ist dies erst nach einem Tag der Fall. In den ersten Tagen nach dem eingetretenen Tod lösen sich die Zellen im Körper auf und die Organe verflüssigen sich. In diesem Schritt entsteht der typische Leichengeruch. Und dann beginnt die Leiche von innen heraus beim Darm beginnend zu faulen. In Filmen sieht man oft, dass Leichen gelblich dargestellt werden, dass kommt daher, dass die Verfärbung ein Zeichen der Verwesung ist und sich vom Bauchraum über die ganze Haut innerhalb einer Woche ausbreitet. Wirklich spannend ist, dass die Bakterien auch nach dem Tod noch im Körper aktiv sind, wodurch gewisse Fäulnisgase entstehen. Das ist auch ein Grund für das Anschwellen eines Körpers. Im letzten Schritt beginnt dann auch die äußerliche Zersetzung, damit geht die Fäulnis in eine Verwesung über. Bei der Verwesung können auch Würmer oder Larven helfen. Die Haare und Fingernägel brauchen neben den Konchen am Längsten für eine vollständige Zersetzung. Unter der Erde dauert der vollständige Verwesungsprozess immer unterschiedlich. Dies ist vielfach vom Boden und der Temperaturen abhängig. Fakten zeigen, dass ein Körper unter der Erde achtmal so lange für den Prozess braucht als oberhalb wo genügend Sauerstoff ist. In einem Erdgrab sagt man, dass das Skelett innerhalb von zwei Jahren freigelegt ist. Mit dem Regen gelangt dann auch Sauerstoff in die Erde und dieser wird für den Zersetzungsprozess gebraucht. Deswegen sind Steinplatten auf den Gräbern für diesen Prozess sehr hinderlich.

Der Boden bestimmt also wesentlich wie lange es dauert bis sich eine Leiche zersetzt hat. Daher gibt es bei Friedhöfen auch vorgeschriebene Ruhezeiten. Im Normalfall betragen diese 25-30 Jahre, weil davon ausgegangen wird, dass die vollständige Verwesung inklusive Knochen innerhalb von 30 Jahren passiert. Der Sarg soll außerdem den Verwesungsprozess durch den damit geschaffenen Hohlraum beschleunigen. Dieser hilft speziell in der Anfangsphase, verwest dann jedoch deutlich schneller als der Körper und kann nach zehn Jahren schon verschwunden sein, je nach verarbeiteten Materialien.

Aber nicht jede Leiche zersetzt sich vollständig, sollten die Gegebenheiten im Boden nicht passen kann es passieren das die Leiche mumifiziert wird und als Wachsleiche wieder ausgehoben wird. Diese werden kann eingeäschert oder entsorgt, aber alle genauen Details dazu können in den jeweiligen Friedhofssatzungen entnommen werden. Aufgrund dieses Problems ist der Platz der Friedhöfe ausgesprochen wichtig. Es hat daher meistens auch einen Grund warum Friedhöfe dort sind, wo sie sind. Das kann wegen der Bodenqualität sein oder auch wegen der Grundwasserführung.  

Kolumbarien

Etwas, dass mich damals in Südamerika nachhaltig beschäftigte waren Friedhöfe. Diese waren so grundlegend anders als, die die ich kannte und ich wollte verstehen wie die Särge in diese Grabfächer gelangen und ob Familiengräber hier genauso funktionierten wie ich sie aus Österreich kannte. Das spezielle daran waren nämlich die in Stockwerke angelegten Gräber, die mir immer viel zu klein erschienen für die riesigen Särge, die ich kannte. Offiziell heißt diese Art der letzten Ruhestätte Kolumbarium und ist auch in Österreich zu finden, jedoch für Urnen.
Für mich war diese Art der Bestattung eigentlich sehr einleuchtend, da ich in Lima gelebt hatte und die Stadt trotz ihrer Größe immer als zu klein für all die Personen, die dort lebten, empfunden hatte. Platzknappheit gab es überall warum sollte diese dann nach dem Tod aufhören? Die Schlussfolgerung Ressourcenknappheit am Friedhof war für mich daher sehr einleuchtend.

Meine grundlegende Frage war daher wie viele Särge passen in ein so ein Fach?
Nach langen Recherchen online und vor Ort kann ich nun sagen, dass genau ein Sarg in ein solches Grabfach hineinpasst. Dieser wird hineingeschoben und dann wird das Fach verschlossen und von den Angehörigen wird die „Grabsteintür“ wie ein Schaufenster dekoriert mit gemeinsamen Bildern oder Dingen, die der*die Verstobene geliebt hat. Das kann dann eine Bierflasche, ein Modellauto oder auch ganz klassisch einfach nur Blumen sein. Der Sarg wird in den meisten Fällen dann auf der Schulter von mindestens vier Personen zum Grabfach getragen. Dabei wird laut Musik gespielt und getanzt, selbst die Sargträger tanzen dann mit dem Sarg auf den Schultern mit.

Der Tanz mit dem Sarg

Der Weg muss nicht immer direkt von der Kirche zum Friedhof führen, sondern kann auch durch die Straßen über die wichtigsten Orte des*der Verstorbenen führen. Die Begräbnisse sind meistens laut und es kommen wirklich viele Menschen um den*die Tote*n auf seinem*ihrem letzten Weg zu begleiten.

Ab 2:55 wird der Sarg in das Fach geschoben, davor werden Reden von Angehörigen gehalten.
Zu Beginn sieht man die Prozession, ab 7:40 wird der Sarg in das Fach geschoben, verschlossen und mit Kerzen dekoriert..

In den Videos kann man sehr deutlich sehen, wie unterschiedlich mit dem Tod umgegangen ist und in Südamerika bedeutet das Ableben eines Menschen keinen Verlust, sondern der Beginn einer neuen viel größeren Reise. Vielen ist diese Einstellung vielleicht bekannt, denn von Mexico aus wurde der „Día de los Muertos“ weltweit bekannt. Doch auch über die Grenzen des Landes hinweg wird in Südamerika an vielen Orten gleichermaßen gefeiert. In vielen Stätten des Kontinentes versammeln sich hunderte von Menschen am 2. November (Allerseelen) am Friedhof beim Grab ihrer Toten, um diesen zu gedenken. Die Tage zuvor wird sowohl das Grab festlich geschmückt als auch reichlich Essen gekocht. Das Lieblingsessen der Toten wird dann für diese vor das Grab gestellt und alle anderen picknicken sozusagen am Friedhof vor den Stockwerken an Gräbern. Der Tag wird zu einem großen Fest und die Schlangen vor den Friedhöfen sind riesig. 

Der Verwesungsprozess kann dann 5 Jahre oder länger dauern. Speziell Knochen sind in der Verwesung nicht so einfach, deswegen werden bei solchen Grabfächern, sollte ein weiterer Sarg zwischenzeitlich eingeschoben werden, die noch nicht verwesten Gebeine in den hinteren Teil ans Ende des Faches geschoben, sodass wieder genug Platz für den nächsten Leichnam ist.

Und zu guter Letzt eine Servicemeldung:
Eine solche Bestattung kostet in Perú zwischen 1.000 und 4.000 soles je nach Umfang und Größe. Diese Summe ist relativ hoch für ein peruanisches Durchschnittsgehalt. Umgerechnet sind das zwischen 250 und 1.000€, wobei man bedenken muss, dass diese Preise nur für die Bestattung an sich sind, das Grab selbst ist dabei nicht inkludiert. Denn die Preise hierfür sind extrem unterschiedlich, je nach Ort und Lage.

Eine Trauerandacht in Cusco

Das aller erste Mal, dass ich dem Tod in einem ganz andern Kulturkreis begegnete war im Februar 2016. Damals war ich gerade 20 Jahre geworden und befand mich mitten in einem meiner größten Abenteuer. Ich war gerade knapp über ein halbes Jahr in Perú auf Austausch. Normalerweise wohnte ich ja in Lima, aber da das Land so divers ist wollte meine Organisation, dass ich mein „Uni-Ferienmonat“ in einer anderen Provinz verbringe. Ich war natürlich überhaupt nicht dagegen, denn dadurch konnte ich mehr reisen und viel mehr von dem Land, das mich so faszinierte kennen lernen. So kam es, dass ich den ganzen Februar über in Cusco bei meiner vierten Gastfamilie verbrachte. Dort hatte ich wie soll es anders sein den Spaß meines Lebens. Die Andenstadt ist einfach wunderschön, im Vergleich zu Lima einfach überschaubarer und bietet ganz viele touristische Attraktionen aber auch ein wahnsinnig spanendes Nachtleben.

Normalerweise vergesse ich Begräbnisse, Todestage, Andachten und alles Friedhofrelevante sehr schnell. Beispielsweise kann ich mich kaum noch an die beiden Begräbnisse oder den Tod meiner beiden Großväter erinnern, obwohl ich zu der Zeit schon im Teenageralter war und ich mich eigentlich erinnern sollte. Aber irgendwie sind diese beiden Momente sehr schnell aus meinem Gedächtnis verschwunden. Als ich damals in Cusco war bin ich gleich zweimal mit dem Tod konfrontiert worden und bis heute kann ich mich auf beide noch immer wahnsinnig gut und sehr detailreich erinnern und das obwohl ich nur einen der Verstorbenen wirklich kannte.

Der erste Verstorbene war mein ehemaliger Kochlehrer aus der BHS in Österreich. Da meine einzige Verbindung zu meinem Heimatland das Internet war erfuhr ich daher online von seinem Tod und obwohl ich nur seine Schülerin war traf mich dieser. Ich war perplex, weil sein Ableben, aus dem nichts kam und mir eindringlich zeigte wie vergänglich alles um mich herum und auch ich selbst bin. Ich war schockiert und traurig, weil ich doch wirklich gute Erinnerung mit ihm verband und ohne seine Hilfe meine Fachprüfung wahrscheinlich nie geschafft hätte. Obwohl ich seine schlechten Witze und komischen Sprüche nie wirklich mochte muss ich doch an dieser Stelle zugeben, dass er Recht hatte mit meinen damals noch nicht wirklich vorhandenen Kochkünsten. Ich weiß noch genau, dass ich mit einer Freundin aus Holland, die ebenfalls mit mir auf Austausch war, darüber sprach. Auch ihre Großvater verstarb kurz vor Weihnachten in ihrem Heimatland. Ich erzählte, dass ich an dem Tag irgendwie neben mit stand und etwas traurig war, weil ich das alles einfach nicht fassen konnte. Sie verstand mich natürlich sehr gut, weil sie nur wenige Wochen zuvor ihren Verwandten verlor und nicht an dem Trauerprozedere zu Hause teilnehmen konnte. Sie und ihr Gastvater waren der Meinung, dass mir Ablenkung guttun würde und deswegen fuhren wir etwas später raus aus der Stadt in die angrenzenden Dörfer um endlich „cuy“ zu essen. An dem Tag als ich vom Tod meines Kochlehrers erfuhr aß ich Meerschweinchen und ich hätte mich nicht besser vom ihm verabschieden können.

Er meinte immer wir sollten neues probieren und etwas erleben. Ich kann nur sagen, ich bin dem Rat gefolgt und zuzelte gespannt an den Miniknochen meines“ cuy als horno“ mit gekochten Kartoffeln, Nudeln und Aji picante. Obwohl, ich muss zugeben leicht war es nicht das halbe Meerschweinchen zu essen und auch geschmacklich war es nicht wirklich mein Fall, aber das war vieles in meinem damaligen Kochunterricht auch nicht (rohe Leber zu probieren wäre eines der Dinge gewesen, die ich nämlich auch nicht unbedingt machen hätte müssen). Um die Klammer hier zu schließen möchte ich nur noch sagen, ich habe mich mit dem was mich mit ihm verband, also dem Essen verabschiedet und mich auf meine Weise für das Stückchen gemeinsamen Weg bedankt.

Das war jedoch nur der Beginn der Reise, denn kurze Zeit später verstarb ein Arbeitskollege meiner Gastmutter und wir waren alle gemeinsam eingeladen zur Trauerfeier zu kommen. Damals dachte ich noch das wäre so etwas wie eine Betstunde, die wir im katholischen Glauben ja auch zelebrieren. Doch es kam ganz anders. Ich ging am Abend mit meiner Gastmutter und Gastschwester auf die besagte Trauerfeier und natürlich wie in Österreich gelernt komplett in dunklen Farben. Aber angekommen stellte ich fest, dass der Dresscode schwarz hier nicht galt. Es waren wirklich viele Leute dort in allen möglichen Farben. An dem Tag wurde meine gelernte Einstellung wie ich mit dem Tod umzugehen habe grundlegend geändert, weil mir ein ganz anderer Zugang gezeigt wurde. Die ganze Trauerfeier bestand daraus, dass sich jeder selbst vom Toten verabschieden konnte und alle sich unterhielten und gemeinsam aßen und tranken. So kam es, dass ich auf einem Stuhl mit Essen in der Hand endete und in Richtung eines offenen Sarges blickte. Das war ein weiterer großer Unterschied der Sarg war offen, sodass jeder die Leiche sehen und sich verabschieden konnte. An dem Tag sah ich zum ersten Mal mit eigenen Augen einen toten Menschen. Es klingt jetzt wahrscheinlich sehr absurd, dass wir alle mit einer Leiche im Raum saßen und lecker Essen speisten, aber rückblickend finde ich war genau das der schönste Moment. Alle Leute, die dieser Mensch miteinander verbunden hatte, kamen zusammen und sprachen mit Freude über die gemeinsamen Momente. Es war ein Abendessen unter Freunden und der Verstorbene nahm in gewisser Weise auch teil. An diesem Tag ging ich nicht bedrückt nach Hause wie ich es sonst immer in Österreich als Kind nach Begräbnissen mit all de weinenden Menschen tat, sondern glückselig über die neu gelernte Art mit dem Tod umzugehen.

Natürlich ist dies nur eine Form der Trauer und kein Mensch ist an bestimmte geographische oder soziale Konventionen gebunden. Jeder kann seine Trauer nach eigenen Glauben verarbeiten.

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