Das aller erste Mal, dass ich dem Tod in einem ganz andern Kulturkreis begegnete war im Februar 2016. Damals war ich gerade 20 Jahre geworden und befand mich mitten in einem meiner größten Abenteuer. Ich war gerade knapp über ein halbes Jahr in Perú auf Austausch. Normalerweise wohnte ich ja in Lima, aber da das Land so divers ist wollte meine Organisation, dass ich mein „Uni-Ferienmonat“ in einer anderen Provinz verbringe. Ich war natürlich überhaupt nicht dagegen, denn dadurch konnte ich mehr reisen und viel mehr von dem Land, das mich so faszinierte kennen lernen. So kam es, dass ich den ganzen Februar über in Cusco bei meiner vierten Gastfamilie verbrachte. Dort hatte ich wie soll es anders sein den Spaß meines Lebens. Die Andenstadt ist einfach wunderschön, im Vergleich zu Lima einfach überschaubarer und bietet ganz viele touristische Attraktionen aber auch ein wahnsinnig spanendes Nachtleben.

Normalerweise vergesse ich Begräbnisse, Todestage, Andachten und alles Friedhofrelevante sehr schnell. Beispielsweise kann ich mich kaum noch an die beiden Begräbnisse oder den Tod meiner beiden Großväter erinnern, obwohl ich zu der Zeit schon im Teenageralter war und ich mich eigentlich erinnern sollte. Aber irgendwie sind diese beiden Momente sehr schnell aus meinem Gedächtnis verschwunden. Als ich damals in Cusco war bin ich gleich zweimal mit dem Tod konfrontiert worden und bis heute kann ich mich auf beide noch immer wahnsinnig gut und sehr detailreich erinnern und das obwohl ich nur einen der Verstorbenen wirklich kannte.
Der erste Verstorbene war mein ehemaliger Kochlehrer aus der BHS in Österreich. Da meine einzige Verbindung zu meinem Heimatland das Internet war erfuhr ich daher online von seinem Tod und obwohl ich nur seine Schülerin war traf mich dieser. Ich war perplex, weil sein Ableben, aus dem nichts kam und mir eindringlich zeigte wie vergänglich alles um mich herum und auch ich selbst bin. Ich war schockiert und traurig, weil ich doch wirklich gute Erinnerung mit ihm verband und ohne seine Hilfe meine Fachprüfung wahrscheinlich nie geschafft hätte. Obwohl ich seine schlechten Witze und komischen Sprüche nie wirklich mochte muss ich doch an dieser Stelle zugeben, dass er Recht hatte mit meinen damals noch nicht wirklich vorhandenen Kochkünsten. Ich weiß noch genau, dass ich mit einer Freundin aus Holland, die ebenfalls mit mir auf Austausch war, darüber sprach. Auch ihre Großvater verstarb kurz vor Weihnachten in ihrem Heimatland. Ich erzählte, dass ich an dem Tag irgendwie neben mit stand und etwas traurig war, weil ich das alles einfach nicht fassen konnte. Sie verstand mich natürlich sehr gut, weil sie nur wenige Wochen zuvor ihren Verwandten verlor und nicht an dem Trauerprozedere zu Hause teilnehmen konnte. Sie und ihr Gastvater waren der Meinung, dass mir Ablenkung guttun würde und deswegen fuhren wir etwas später raus aus der Stadt in die angrenzenden Dörfer um endlich „cuy“ zu essen. An dem Tag als ich vom Tod meines Kochlehrers erfuhr aß ich Meerschweinchen und ich hätte mich nicht besser vom ihm verabschieden können.

Er meinte immer wir sollten neues probieren und etwas erleben. Ich kann nur sagen, ich bin dem Rat gefolgt und zuzelte gespannt an den Miniknochen meines“ cuy als horno“ mit gekochten Kartoffeln, Nudeln und Aji picante. Obwohl, ich muss zugeben leicht war es nicht das halbe Meerschweinchen zu essen und auch geschmacklich war es nicht wirklich mein Fall, aber das war vieles in meinem damaligen Kochunterricht auch nicht (rohe Leber zu probieren wäre eines der Dinge gewesen, die ich nämlich auch nicht unbedingt machen hätte müssen). Um die Klammer hier zu schließen möchte ich nur noch sagen, ich habe mich mit dem was mich mit ihm verband, also dem Essen verabschiedet und mich auf meine Weise für das Stückchen gemeinsamen Weg bedankt.

Das war jedoch nur der Beginn der Reise, denn kurze Zeit später verstarb ein Arbeitskollege meiner Gastmutter und wir waren alle gemeinsam eingeladen zur Trauerfeier zu kommen. Damals dachte ich noch das wäre so etwas wie eine Betstunde, die wir im katholischen Glauben ja auch zelebrieren. Doch es kam ganz anders. Ich ging am Abend mit meiner Gastmutter und Gastschwester auf die besagte Trauerfeier und natürlich wie in Österreich gelernt komplett in dunklen Farben. Aber angekommen stellte ich fest, dass der Dresscode schwarz hier nicht galt. Es waren wirklich viele Leute dort in allen möglichen Farben. An dem Tag wurde meine gelernte Einstellung wie ich mit dem Tod umzugehen habe grundlegend geändert, weil mir ein ganz anderer Zugang gezeigt wurde. Die ganze Trauerfeier bestand daraus, dass sich jeder selbst vom Toten verabschieden konnte und alle sich unterhielten und gemeinsam aßen und tranken. So kam es, dass ich auf einem Stuhl mit Essen in der Hand endete und in Richtung eines offenen Sarges blickte. Das war ein weiterer großer Unterschied der Sarg war offen, sodass jeder die Leiche sehen und sich verabschieden konnte. An dem Tag sah ich zum ersten Mal mit eigenen Augen einen toten Menschen. Es klingt jetzt wahrscheinlich sehr absurd, dass wir alle mit einer Leiche im Raum saßen und lecker Essen speisten, aber rückblickend finde ich war genau das der schönste Moment. Alle Leute, die dieser Mensch miteinander verbunden hatte, kamen zusammen und sprachen mit Freude über die gemeinsamen Momente. Es war ein Abendessen unter Freunden und der Verstorbene nahm in gewisser Weise auch teil. An diesem Tag ging ich nicht bedrückt nach Hause wie ich es sonst immer in Österreich als Kind nach Begräbnissen mit all de weinenden Menschen tat, sondern glückselig über die neu gelernte Art mit dem Tod umzugehen.
Natürlich ist dies nur eine Form der Trauer und kein Mensch ist an bestimmte geographische oder soziale Konventionen gebunden. Jeder kann seine Trauer nach eigenen Glauben verarbeiten.